TOMAK

KÖNIG VON ÖSTAREICH

KÖNIG VON ÖSTAREICH

Atlantis
(Fellachentext – Man machte mich darauf aufmerksam, dass der Begriff Fellache negativ besetzt sei. Man kann Fellache getrost durch lebender Scheißhaufen ersetzen.)

Als wir wie Heuschrecken über die Landstriche zogen, ist uns ein Kontinent besonders in Erinnerung geblieben. Die Menschen da grinsten stets, sie fluchten nicht, sie schlugen ihre Frauen nicht, ihr Tagwerk wurde von Maschinen verrichtet und sie frönten dem Nichtstun. Auch das ominöse Blinzeln mit einem Auge konnten wir uns bis zum Ende nicht erklären. Sie lebten in einem absurden Diktat, das ihnen ihr sogenannter Staat von Geburt an auferlegte: Um geboren werden zu können, musste man bezahlen; um sich identifizieren zu können, musste man bezahlen; um wohnen zu können, musste man bezahlen; um am Leben der Gesellschaft teilzuhaben zu können, musste man bezahlen. Man bezahlte also allein für seine Anwesenheit. Womit? Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen, das sie vom Staat erhielten. Sie wollten alle gleich sein – gleich aussehen, gleich viel verdienen, gleiche Rechte und Pflichten haben. Sogenannte Parteien, die das Volk vertraten, hatten scheinbar den Auftrag, Missstände nicht etwa zu beheben, sondern aufzuzeigen und die Verantwortung auf die vermeintlichen Verursacher, wie Großkonzerne, abzuwälzen. Nun hatten sie ein perfides Zusatzsystem eingeführt, um diesen absurden Wahnsinn zu finanzieren – dieses nannten sie Börse. Dabei wurden Unternehmens- oder Staatsanleihen erstellt, die man handeln konnte. Ihr Wohlstand beruhte auf der Ausbeutung von Kontinenten am anderen Ende der Welt. Wir benötigten einige Zeit, um diese eigenartige Gesellschaft studieren zu können. Die dort ansässige Bevölkerung verstand anscheinend nicht, was das Ziel ihrer politischen Vertreter war – nämlich nichts anderes als der Erhalt der politischen Vertretung, wie in jedem politischen System. Diese Vertreter wurden vom Volk gewählt und man nannte dies Demokratie. Es zählte durch die Gleichstellung jedoch nicht die Qualität der Stimmen, sondern die Quantität. Von Außen betrachtet verstanden wir allmählich, welch Irrsinn sich hier entwickelt hatte: Es ging um Stimmviehzucht – also um Masse und von dieser Masse profitierten wiederum einige wenige Megakonzerne. Diese einfache Wahrheit sah das sogenannte Volk, also die Herde, nicht. Ein Produktdiktat wurde online direkt in die Hirne der Besinnungslosen transferiert. Durch ein einfaches Punktesystem hatte man Geld ersetzt. Man kam jedoch meist verschuldet zur Welt, da die Eltern das Grundeinkommen ihrer Kinder bereits versetzten. Diese Abhängigkeit war der intelligente Pakt zwischen Politik und Konzernen – so sicherte man also Machterhalt. Das Ziel – eine Masse. Die Männlein hatten anfänglich lediglich die Aufgabe des Geschlechtsaktes, wurden aber nach und nach durch Spermabanken ersetzt. So gaben sie ihre DNA in Kühlgefäße weiter und die Weiblein stellten sich ihre Wunschkinderlein zusammen. Die Weiblein verlernten, zu ficken. Und alle verlernten das Töten. So verkam jegliche Handlung zu einer Ersatzhandlung.
Jedes politische System braucht eine Herde, um sich selbst zu erhalten – um zu wachsen. Aus Erfahrung wusste man: In hochzivilisierten Gebieten, wie Städten, nimmt die Bevölkerung ab. Durch die Belehnung des Grundeinkommens des Nachwuchses stieg die Zahl der Bevölkerung jedoch rasant. Diese Belehnung war anfänglich legal und danach bei Strafe verboten. Sie wurde jedoch klarerweise illegal weiter praktiziert, was der allmächtige Parteienstaat jedoch nur glimpflich bestrafte. Diese Verschuldung war Nahrung für Parteiprogramme und so konnte sich der teuflische Machtkreislauf ausbreiten. Man züchtete Fellachen. Vom Staat abhängig gemachtes Vieh. Somit war ihr Wahlverhalten steuerbar, ihr Konsumverhalten steuerbar – be-steuerbar. Die rote Fellachen-Partei beispielsweise verwies immer wieder auf soziale Missstände, anstatt diese zu beheben. Häppchenweise machte man den Idioten, die man vorsätzlich gezüchtet hatte, irgendwelche Zugeständnisse. Die Öko-Fritzen-Partei, eine Horde lebendig gewordener Komposthaufen, erstrahlte als Inhaber der absoluten Moral, wie einst das Christentum. Der kategorische Imperativ oblag alleine ihr. Sie war der Wächter aller Tugenden geworden. Dazu gab es noch die Nationale Rassepartei und einige belanglose Splittergruppen aus früheren Tagen. Diese lösten sich aber nach und nach ins Nichts auf, da die Berufs- und Bevölkerungsgruppen, die sie zu vertreten glaubten, gar nicht mehr existierten. Was tut ein Volk, das nichts zu tun hat? Es beginnt, dekadent zu werden. Der Fellache, also der in jeder Hinsicht vom Staat Abhängige, betätigte sich künstlerisch, was so viel bedeutete wie: Er gab sich dem Schwachsinn hin. Über komplexe Auffangbecken förderte man Filme, Presse, Kultur und Künste aller Art, um dem Bürger sein Recht auf seine Meinung zu suggerieren. Über den Staats-, also den Parteifunk wurde Staatsmoral gepredigt. In den Staatskünsten wurde Staatsmoral gepredigt. In der Staatspresse wurde Staatsmoral gepredigt. Diese Gratwanderung zwischen der sogenannten freien Meinung und der goldenen Moral, die von ihrem Gott – Jesus Christus, an den man aber nicht mehr glaubte – stammte, war das Meisterstück ihres Staates. Gehirnwäsche direkt über elektrische Geräte in das Bewusstsein jedes Einzelnen. Diese kommune Marktwirtschaft gestand dem Bürger jegliche Berauschung – also Ablenkung – zu und schürte so eine symbiotische Abhängigkeit, die sich mit jeder Generation verstärkte. Dieses Vorgehen aber bewirkte eine Veränderung des Konsumverhaltens. Man lebte in Containern und der Besitz des Einzelnen beschränkte sich auf ein elektronisches Gerät und ein paar Kleidungsstücke, die man wie die Nahrung täglich nach Lust und Laune auswählen und ändern konnte. Einrichtungsgegenstände gab es nicht mehr. Das Ding an sich gab es nicht mehr. Man lebte leicht und seine Psychosen behandelte man mit bunten Pillen. In Massenyogakursen suchte man sein Selbst. In eigens errichteten Wechselcontainern war es möglich, sich zu pflegen und zu desinfizieren.
Wir trafen auf die letzten Menschen. Sie taumelten orientierungslos irgendwohin. Hier ein Pop-up-Store, dort eine Party, jeder war Modedesigner, alle waren Künstler, ehemalige Panzerfabriken wurden zu Diskotheken. Um der Masse ihre Gefährlichkeit zu entziehen, vergaß man aber nicht, sie immer wieder mit Neid und Zwietracht zu infiltrieren, was sich als nicht so einfach herausstellte, da nun jeder ein Bedingungsloser war. Aber durch Erschaffung einiger Privilegien war dies schnell erledigt. Der Kampf um Privilegien gegenüber dem Staat war Antrieb genug. Staatsfeinde gab es nicht mehr – schon gar keine intellektuellen. Die Denker waren gekauft und gefördert und bestens in das System integriert. Der Staat vermied die Heraufkunft störender Gedanken, indem er diese gegen die Meinung der Masse, also gegen seine Meinung stellte und als lächerlich preisgab. Dieser Vorgang wurde durch die Installation sogenannter sozialer Medien ermöglicht.
Ihre Augen leuchteten nicht. Ihre Körper – nach einem Ideal geformt. Ihr Geist – dumpf. Ihr Verhalten – friedfertig, da der veganen Volksnahrung stets etwas Brom beigemengt wurde und dies glutenfrei. Es fiel uns nicht schwer, diese Bevölkerung zunächst zu unterwandern und nach und nach ihr System zu stören, da ihnen allmählich jegliche kriminelle Energie abhandengekommen war. Aggression war ihnen völlig fremd geworden. Ihr Selbsterhaltungstrieb degenerierte zusehends. Es gab kein Wozu mehr. Das Warum war längst überwunden. Die Moralpredigten hatten ihren Zweck erfüllt und so war es ein Leichtes – für uns Handvoll Wahnwitziger – durch Infiltrierung und Unterwanderung ihrer Netzwerke einen ganzen Kontinent in kürzester Zeit einzunehmen. Während ihre politischen Vertreter darüber verhandelten, was nun zu tun sei, war es längst um sie geschehen. Da sie keine Metzger, keine Bäcker, keine Mechaniker, keine Bauern, keine Gärtner und keine Tischler mehr hatten, konnte man bei Stromausfall und Störung der Navigationssysteme die Versorgung der Fellachen nicht mehr bewerkstelligen. Als sich die Akkus ihrer Stromfahrzeuge, Telefone und Heimcomputer leerten und wir ihre Notstromaggregate in unseren Besitz gebracht hatten und diesen wehrlosen Haufen zusammentrieben, erfolgte bald die bedingungslose Kapitulation.
Die Herde schwand zusehends. Ihre Städte kennen wir heute verwaist und verlassen. In früheren Tagen hatte man sich mit Stadtmauern geschützt, doch Verkehr und Kommunikation war oberstes Diktat. Krieg war böse. Ihre Zivilisation war Gott geworden und an ihr gingen sie zugrunde – wie es nun einmal mit jeder Zivilisation geschah.

TOMAK