TOMAK

TOMAKs Pathophysiologie

TOMAKs Pathophysiologie

Ich bin nicht wie du, ich bin nicht wie irgendwer“
—-TOMAK

TOMAK baut sein Œuvre wie in einem methodologischen Prozess auf, indem er immer wieder neue Charaktere erfindet und annimmt. Er strebt nach dem „ICH“, das sich in der Suche nach einer einzigartigen Identität manifestieren soll. Seine Arbeit dreht sich um das Spiel mit dem Selbst. Betrachtet man jeden Teil für sich, so fügt sich langsam dieses „Selbst“ wie ornamental zusammen. Der Betrachter wird dazu eingeladen, die vielen ästhetischen und konzeptionellen Schichten, aus denen TOMAK sein Universum konstruiert, zu entziffern.
TOMAKs Werk nährt sich aus der visuellen Überlastung des Grotesken und des Unheimlichen. Es wäre sowohl naiv wie auch kurzsichtig ihn nur als Provokateur zu bezeichnen. Seine Arbeiten verlangen nach eingehenderer Betrachtung. Für TOMAKs hybride Kompositionen braucht es einen speziellen Blickwinkel, der einerseits historische und andererseits kulturelle Inhalte miteinbezieht. Seine Arbeit regt die Vorstellungskraft des Betrachters dazu an, sich immer wieder spontan neu zu konzipieren. Das eröffnet einem nahezu endlose interpretative und visuelle Umgestaltungsmöglichkeiten. TOMAK erzeugt Assoziationen zwischen scheinbar unzusammenhängenden Bildern und Texten. Er zeigt dabei vor, wie man unterschiedliche Teile aus einem semiotisch aufgebauten Orbit extrahieren kann, um diese dann, individuell, neu zu verbinden und zuzuweisen, um sich damit einen persönlichen Kosmos zu konstruieren. TOMAKs Arbeit bleibt dem Figurativen treu, während sie gleichzeitig die Quellen der Darstellung hinterfragt. Auf den ersten Blick scheinen seine bildhaften Gesten nur zeigen zu wollen, wie gut er das malerische Handwerk beherrscht. Doch obwohl er seine Hand in akademisch geschulter Manier bewegt, offenbart er auch ein Interesse an einer frechen Nebeneinanderstellung kryptischer Symbole, die sich durch Text und Bild ziehen – egal, ob gemalt, gezeichnet, gedruckt oder geschrieben. Indem er die klassische Vergangenheit mit der digitalen Gegenwart koppelt, hebt er die Bedeutung der kreativen Wiederverwendung von Bildern in Kunst und Kultur seit Anbeginn der Menschheit hervor.
TOMAK bewegt sich in einem ständigen Prozess des Annehmens und Weiterentwickelns, in dem jede Figur fortwährend morphologisch in die nächste übergeht. In seiner Serie Holländisches Rückritual zerstückelt er die Kunstgeschichte in kleine Teile. Dabei entwickelt er scheinbar dissonante Zusammenhänge zwischen scharfen, diagnostizierenden Texten und abstrakteren, chromatischen Darstellungen. Genau hier lernt der Betrachter TOMAKs Selbst- und Sozialkritik zu schätzen, die nochmals von seinem absurden Humor bereichert wird. TOMAKs künstlerischer Anspruch folgt einer dekonstruierenden Logik. Der äußere Schein trügt. Man muss verstehen, dass kulturelle Strukturen gewisse Denkmuster forcieren, was wiederum erfordert, dass wir uns über die Ambiguität zwischen Erfahrung und Interpretation im Klaren sind.
Das vereinende Thema, das sich durch TOMAKs malerische Collagen zieht, ist eine Bildsprache, die einem immer wieder ins Bewusstsein gerufen wird und so wirkt, als würde sie sich scheinbar chaotisch aus TOMAKs eigentümlicher Art von Neugier zusammensetzen, eingebettet in eine Ansammlung von rätselhaftem Wissen. Diese Arbeiten zeigen wiedererkennbare Bilder sowie auch Textfragmente aus diversen, oftmals nicht zusammenpassenden Quellen, wobei sie Themen wie Individualität, Intertextualität und Kommunikationsstrukturen ausloten. Seine collagenartige Bild- und Textsprache erinnert uns dabei an die vielen visuellen Assoziationen, die sich im Kontext der heutigen digitalisierten Welt rapide und dezentralisiert verbreiten. Ebenso schaffen die vielseitigen Variationen innerhalb von TOMAKs Büsten einen Zwiespalt zwischen dem individuellen Selbst und dem sozialen Selbst, der sich auch auf seine anderen Arbeiten übertragen lässt. Das Kreieren von Bedeutung nur durch Bild und Sprache ist einerseits TOMAKs Herausforderung und andererseits sein Vergnügen.
Darüber hinaus findet sich ein weiteres prägnantes Detail in TOMAKs Œuvre. Mit großer Kontrolle und Aufmerksamkeit entlockt er seiner Palette voll Kunstfertigkeit die detailliertesten Konstruktionen. Die dabei entstehenden Bilder, die ständig verändert und mit neuen Einwürfen gespickt werden, suggerieren eine fast bösartig hedonistische Herausforderung an seine eigenen technischen Fähigkeiten. TOMAKs Portraitmalerei liest sich wie eine Ode an die Selbstfindung. Es scheint, als würden sich die Körper in TOMAKs Zeichnungen, in der wabernden, turbulenten Atmosphäre, die sie umgibt, auflösen. Die tägliche Realität wird wahrgenommen und konkretisiert. Auf der ästhetischen Ebene deformiert er die akademische und historische Bildwelt. Auf der konzeptuellen spaltet er die Theorie mit seiner Leidenschaft für Text und seinem Überkonsum an detaillierten Bildern. TOMAKs „ICH“ scheint durch kalkuliert gesetzten Text und genau ausgewählte Bilder Schritt für Schritt in seine Arbeit integriert zu werden. Die Text- und Bildsprengsel sollen helfen, Unstimmigkeiten zu vermeiden und Wahrnehmungs- wie Interpretationsprozesse zu beschleunigen. Somit scheint sein Werk fast einem klassischen Impuls entsprungen zu sein. Er entschleunigt den Blick des Betrachters, indem er ein größeres Verständnis für ästhetisches und wahrnehmungsbedingtes Erleben einfordert.
Die Aura hinter der großen Bandbreite an Medien, die TOMAK benutzt, und der expansiven Arbeitsleistung, die er kontinuierlich abliefert, ist verblüffend. Die Skulpturen, Zeichnungen und Malereien des Künstlers spiegeln eine scharfsinnige Kenntnis über die befremdlich trennende Erfahrung des eigenen Selbstbildnisses. TOMAKs ausgelagerte Charaktere modifizieren die affektiven und emotionalen Strukturen der Welt, die sie besiedeln. Der Künstler lotet, physisch wie sprachlich, die Strukturen aus, durch die das Selbst geformt, verstanden und integriert wird. TOMAKs letzte Serie entstand durch das Sammeln und Malen Dutzender verschiedener Bilder, überlagert von Text und Anspielungen. Die darin enthaltenen Charaktere verwandeln sich im Prozess physischer Transformation in neue Formen oder verschleiern ihr Erscheinungsbild. TOMAK zeigt den machtvollen Einfluss, den Körper im Raum aufeinander ausüben.
Sein oder nicht sein: TOMAKs bombastische Präsenz in jedem seiner Werke, egal, ob physisch oder literarisch, verzerrt das paradigmatische Konzept des Portraits und der zeitgenössischen Erforschung von Identität. Das Groteske verschmilzt mit dem Überspitzten. TOMAK mischt sich in jede seiner Arbeiten – Ästhetik und Konzept verschwimmen. Sein Werk definiert sich als Syntax zeitgleicher Eindrücke: Worte und Darstellungen kreuzen einander, geben Hinweise auf eine richtige Lösung, erlauben dabei aber dennoch verschiedene Deutungsmöglichkeiten. TOMAKs Bildwelt kommt einem vertraut vor, obschon ihre wahre Bedeutung, falls es diese überhaupt geben sollte, vielleicht eben darin liegt, erst zu verwirren und daraufhin entwirrt zu werden. Jedes Symbol ist in eine vielgesichtige Komposition eingewoben, die dafür sorgt, dass das Vertraute wieder rätselhaft wird. Mit Aberwitz provoziert TOMAK ein Tête-à-Tête zwischen der Selbstwahrnehmung des Betrachters und der Essenz, die jedem seiner Werke innewohnt. Auf diese Weise erinnert uns TOMAK daran, dass das Schaffen von Kunst einen ständigen Prozess des Hinterfragens, wer man ist und wo man steht, darstellt, wobei man sich über die Gesellschaft als Ganzes im Klaren ist. TOMAKs Sein ist kein eremitisches. Das private Ritual der Kunsterzeugung ist nicht wirklich privat. Erst die Spannungen zwischen ihm und der Gesellschaft machen das Kunstwerk schlussendlich zu TOMAKs „ICH“.

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Yoab Vera, Begründer der MAPA Kunststiftung

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